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Pratt & Whitney Sternmotor in 1 : 5 Power für Scale- und Technik-Puristen

Eingereicht

Großformatige Werbeanzeigen in der einschlägigen Fachpresse kündigten 2013 einen besonderen technischen Leckerbissen an: den Pratt & Whitney R 9-2800-Sternmotor-Nachbau von Authentic Scale / Pegasus Engine  im Maßstab 1 : 5. Nun sind wir Modellflieger bekanntlich ausgesprochen skeptisch und wollen solche Sahnestücke erst mal real am Boden bzw. in der Luft begutachten. Sternmotor-Pratt&Whitney_1Lange Zeit tat sich diesbezüglich nichts Neues in der Large-Scale-Szene. Moki-Sterne dominieren – wie seit Jahren üblich – das Geschehen, und ich hatte den Scale-Motor innerlich eigentlich schon abgehakt.

Dann erscheint Ende April plötzlich Vereinskollege Detlef Sewing mit einem Gast auf unserem Flugplatz, und der baut eine Stinson Reliant SR 10 mit Neunzylinder-Sternmotor zusammen. Nein, der  bekannte 90-ccm-Seidel-Glühzünder sieht anders aus: Es ist tatsächlich der seit langem groß beworbene originalgetreue Pratt & Whitney-Benziner mit elektronischer Zündung. Wow! Bei der Gelegenheit lerne ich Chris Kamann kennen, den Inhaber der Firma Fun-Modellbau aus Bielefeld. Chris vertreibt diesen Edelmotor exklusiv und will ihn hier in Melle zusammen mit der Stinson Reliant aus eigener CNC-Produktion einfliegen.

Sternmotor-Pratt&Whitney_2

Jeweils drei Inbusschrauben pressen über Messingflansche Ein- und Auslassrohre an die Zylinder. Der gekrümmte Schalldämpferanschluss ist nur aufgeschoben, trotzdem dicht genug, und gleicht Wärmespannungen aus. Zwischen den Rohren erkennt man die filigrane Iridium-Zündkerze mit ¼ -Zoll-Gewinde.

Während der Modellaufrüstung bewundere ich die Details des Neunzylinders. Der gesamte Ventiltrieb ist voll gekapselt und blitzsauber. Unter den Ventildeckeln befinden sich Kipphebel mit jeweils zwei Kugellagern. Die Zylinder sind fünfachsig aus speziell legiertem Aluminium gefräst, mit Glasperlen gestrahlt und sehen dadurch aus wie gegossen. Der Ringschalldämpfer aus Edelstahl ist konisch gestaltet, wird also mit jedem weiteren Auslasskrümmer immer dicker. Diese Form lässt sich nur mit zunächst gepressten, anschließend verschweißten Halbschalen realisieren. Neun  Krümmerröhrchen sind daran hartgelötet. Der extrem aufwendig gefertigte Schalldämpfer passt saugend auf die zylinderseitigen Auspuffstummel, kann sich im Betrieb allerdings geringfügig verschieben und so Wärmespannungen ausgleichen. Dies alles wirkt sehr gut durchdacht.

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Die Aufnahme des Verstellpropellers sieht umwerfend realistisch aus und rundet die Gesamterscheinung ab. Aus hochwertigem Aluminium gefräste Halbschalen mutieren nach der…

Und dann bekommen wir endlich was auf die Ohren: Der Pratt & Whitney-Nachbau springt willig an und emittiert einen wunderbar kultivierten Sound, den ich in dieser Vollendung noch nie gehört habe. Nichts rasselt, nichts schnarrt unangenehm, alles läuft rund, und man spürt beim Abtasten der Tragfläche so gut wie keine Vibrationen. Hier wird die Zelle so wenig belastet wie beim Elektrotriebwerk.

Chris fasst allen Mut zusammen und rollt zum Start. Die Stinson hebt ab und fliegt problemlos mit äußerst angenehmer Geräuschemission. Das Wort Lärm ist fehl am Platz, wir vernehmen eher ein weiches Schnurren. Die Landung erfordert später die volle Aufmerksamkeit des Piloten, weil die Klappen-Tiefenruder-Mischung suboptimal eingestellt ist. Deshalb lässt Chris die Flaps lieber drin und setzt mit erhöhter Speed auf. Der Hochdecker schöpft die Platzlänge voll aus und kommt rechtzeitig zum Stillstand. Der Pilot sinkt fast zu Boden und baut allmählich die enorme Anspannung ab. Zufrieden und erleichtert manövriert Chris sein Baby in den Abstellbereich.

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(Ge-)wichtige Accessoires: Aus dem vollen Material sind die Attrappen von Zündverteiler (links) und hydraulischer Propellerverstellung gefräst. Beidseitig daneben befinden sich die Zündmagnete.

Dieser Erstflug ist für alle Anwesenden schon ein besonderes Erlebnis. Während bei den gängigen Boxermotoren der Trend zum Vierzylinder geht und Sechszylinder derzeit auf dem Prüfstand laufen sollen, haben wir hier gerade einen Neunzylinder-Stern als Benziner mit elektronischer Zündung erleben dürfen. In puncto Laufkultur stellt der 200 ccm Pegasus-Engine derzeit wohl das Optimum dar, ist state of the art. Später treffe ich Chris Kamann noch einmal in seinem Büro und erhalte zusätzliche Informationen.

In den Vereinigten Staaten suchen Antonio Silva und David Finlayson einen originalgetreuen Sternmotornachbau, passend zu einem bereits fertiggestellten Scalemodell. Sie schließen dazu eine Allianz mit Bob Roche, der bereits mehrere Sternmotoren als Einzelstücke hergestellt hat. Diese drei »Verrückten« gründen die Firma Authentic Scale – Pegasus Engine, wobei Antonio als Ideengeber fungiert und David sich um die Finanzen kümmert.

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie in der Ausgabe 11/2014 des MFI Magazins.